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Kunstbetrachtung XXI: Pierre Huyghe in der Fondation Beyeler, 24. Mai bis 13. September 2026

Wenn in der Ankündigung des Museums mehrfach erwähnt wird, dass der Künstler mehr Fragen stellt, als beantwortet, darf man das als Hinweis dafür nehmen, dass die Ausstellung hohe Ansprüche an das Publikum stellt. Das Credo lautet also: offen sein und gespannt bleiben, was da auf einen zukommt. Die Fondation Beyeler hat dem französischen Künstler(*1962 in Paris) einen Grossteil des Erdgeschosses zur Verfügung gestellt und Pierre Huyghe hat seine ortsspezifischen Arbeiten grosszügig verteilt. So nimmt man im ersten Raum zunächst eine gähnende Leere wahr, was ziemlich verunsichert. Der Saaltext verrät, dass die Aufmerksamkeit dem Teppich gilt: dieser kommt aus dem Museum Ludwig aus Köln und zeugt von den vielen Menschen, die das Museum auf ihm durchlaufen und abgetreten haben. Die Installation macht sichtbar, dass auch alltägliche, unscheinbare Dinge durch ihre Geschichte und die Spuren menschlicher Nutzung Bedeutung gewinnen können. Der leere Raum zwingt dazu, die Aufmerksamkeit neu auszurichten: Nicht ein spektakuläres Objekt steht im Mittelpunkt, sondern die hinterlassenen Spuren der Menschen. Mit der Wandarbeit «Timekeeper» setzt er einen neuen Akzent hinzu: der herabfallende Farbstaub der abgekratzten Wandfarbe früherer Ausstellungen bleibt an den Schuhe haften und verteilt sich so in den Räumen.

Beim Näherkommen nimmt man an der gegenüberliegenden Wand feine Bewegungen wahr: Ameisen krabbeln aus einem Loch und folgen einer vom Künstler ausgelegten Glukosespur. Die Installation wird so zum Kunstwerk. Der Titel ‚Umwelt‘ verweist darauf, dass diese Szene eigentlich nicht in einen Museumskontext passt und damit unsere Erwartung irritiert. Akustisch bespielt werden die Räume mit sphärischen Bässen und dem Atemgeräusch des Künstlers. Den Atem des Künstlers nimmt man auch spürbar durch die an verschiedenen Orten verteilten Löcher in den Wänden wahr. Ein bisschen grus(el)ig ist das schon! Die Videos «Liminals», «Camata» und «Human Mask» faszinieren einerseits durch verstörende Bilder einer kargen Landschaft, an Menschen und/oder erinnerndes Nichtmenschliches und dem Soundteppich, der sie unterlegt und die mystische Stimmung verstärkt. Huyghe löst die Grenzen zwischen Natur und Kultur auf und er stellt die Frage, ob wir die Welt weiterhin in «natürlich» und «künstlich» trennen können. Die Ausstellung ist eine Gesamtinstallation und die einzelnen Werke agieren oder reagieren miteinander. Fast kann man dem Künstler beim Denken zusehen. Die Ausstellung, in welcher Realität und Fiktion, Anwesenheit und Abwesenheit, Menschliches und Nicht-Menschliches verschwimmen, spricht alle Sinne an und hallt nach. Wenn man sich darauf einlässt.

 

https://www.fondationbeyeler.ch

Pierre Huyghe, Cambrian Explosion 19, 2014

Pierre Huyghe, Human Mask, 2014

Pierre Huyghe, Idiom, 2024

Pierre Huyghe, Alchiminia, 2026