Ins Wallis gereist bin ich in erster Linie, um Andriu Deplazes Rauminstallation «Höhenfieber» zu sehen. Das in der Altstadt von Sion gelegene Kunstmuseum zeigt diese im obersten Stock des mittelalterlichen Schlosskomplexes. Der Raum ist eingekleidet in eine Plane, die im Sommer die Gletscher vor dem Abschmelzen schützt. Darauf sind Deplazes neuste Werke zu sehen, inspiriert von Aufenthalten im Kanton Wallis. Auch der Gletscher selbst ist im Bild «Gipfel glühen, Gletscher schmilzt» festgehalten. Der Künstler thematisiert damit eine akute Problematik in einer dermassen schönen farblichen Gestaltung, dass sich der Blick zugleich angezogen wie auch verunsichert fühlt. Das drohende Verschwinden tritt hinter der ästhetischen Wirkung fast in den Hintergrund. Beim Eingang begegnet einem der Blick eines einsamem Wolfs vor der ins Abendrot getauchten Berglandschaft mit Stausee. Wie im Saaltext zu lesen ist, schützte der Künstler im Sommer 2025 mehrere Nächte lang eine Herde von Schwarznasenschafen in der Simplon-Region. Davon zeugen auch zwei Bilder mit gerissenen Schafen, die in ihrer schrecklichen Realität dennoch von eigentümlicher Schönheit sind. Diese Spannung zwischen Verstörung und Ästhetik zieht sich durch das Werk: Der Künstler nennt seine menschenähnlichen Figuren «Körper» und rückt damit weniger die Identität des Menschen als seine offene, unbestimmte und bewusst entpersonalisierte Erscheinung in den Vordergrund. In diesen Körpern begegnen uns Erfahrungen von Krankheit und Tod. Gerade die Schönheit der Bilder verändert dabei die Wahrnehmung des Leidens: Sie zieht den Blick an und hält ihn zugleich auf Distanz, sodass Krankheit und Tod in einen Zustand der Ambivalenz geraten – zwischen Faszination, Verstörung und stillem Unbehagen. Mehr Leichtigkeit verspricht die humorvolle Installation im Zentrum des Raumes. Ein riesiger Paravent zeigt auf der Vorderseite Schafe auf Felsen und auf der Rückseite Körper am Tisch. Der geschnitzte Holzrahmen ist von Léon Bloch und gibt den vier Tafeln Halt und auch einen gewissen Schalk.
Das Kunstmuseum in Sion begeistert mit einem freundlichen und persönlichen Empfang, sorgfältig konzipierten Räumen hinter den mittelalterlichen Schlossmauern sowie abwechslungsreichen und sehenswerten Ausstellungen. Dieses Jahr sind unter dem Thema «Die grossen Inspirationen» Werke aus der Sammlung, aber auch monografische Präsentationen zu sehen. Sie alle gehen der Frage nach, was eine Künstlerin oder ein Künstler dazu bewegt, Kunst zu machen. «Das Rauschen der Bilder» vereinigt Werke aus der Sammlung des Kunstmuseums Wallis, darunter Werke von Michael Günzburger, Hugo Suter, Monica Ursina Jäger, Miriam Cahn, Louis Soutter und weiteren. Drei Räume sind der Schule von Savièse gewidmet und gehen den Spuren des Jugendstils nach. Der vierte Stock ist ganz der zeitgenössischen Kunst gewidmet: Neben Andriu Deplazes haben hier zwei Frauen das Sagen: die Walliserin Joëlle Allet, zeigt in ihrer Installation «Aquarium» fünf riesige Glasfische, die am Angelhaken hängen. Jeanne Jacob aus Neuenburg zeigt Arbeiten mit Öl und Harz auf Papier, die geschickt hinter Glas präsentiert werden. Es ist ein Rundgang durch Landschaften, Beziehungen, Geselligkeit, aber auch Komplexität und Dunkelheit. Das grossformatige Gemälde mit dem Titel «Les Adelphes» verweist auf die Vielfalt der Identitäten. «Adelphe» ist ein relativ neues französisches Wort und eine genderneutrale Bezeichnung für «sœurs» und «frères». Die dargestellten Figuren sind halb Mensch, halb Tier, zugleich von vorne und von hinten zu sehen und setzen das Thema auf eindrucksvolle Weise künstlerisch um.
Weitere dauerhaft installierte Werke von Gianni Motti, Olivier Estoppey, Luc Mattenberg, Marina Abramovic und Benoît Billotte, der zum kreativen Schaffen oder Ausruhen einladende Vermittlungsraum und auch die wunderbare Terrasse mit dem herrlichen Blick auf die Burgruine und Sion – Picknick erlaubt – machen aus dem Besuch im Musée d’Art du Valais eine rundum perfekte Sache.

Andriu Deplazes, Körper am Tisch

Andriu Deplazes, Körper mit Kissen, 2025

Andriu Deplazes, Mops vor Napf, 2023

Andriu Deplazes, Körper mit Fisch

Aurèle Oggier, Johan, 2023

Monica Ursina Jäger, Phyto Futures 05, 2022

Joëlle Allet, Aquarium, 2014

Jeanne Jacob

Jeanne Jacob, Les Adelphes, 2022