Das Musée d’art de Pully ist ein ganz besonderer Kunstort, der immer wieder überraschende und unglaublich gut kuratierte Ausstellungen zeigt. Nun widmet sich das auf vier Stockwerk verteilte Haus der gegenständlichen Malerei und zeigt über hundert Positionen von 30 Künstlerinnen und Künstlern. Die zwei Kuratorinnen haben über fast zwei Jahre recherchiert, welche Künstlerin oder welcher Künstler seit ihrer Ausbildung konsequent der figurativen Malerei treu geblieben ist. Etwa 10 – 15 % arbeiteten in ihrer Ausbildung figurativ, lediglich 2 % sind dabei geblieben. Der Untertitel der Ausstellung ist etwas verwirrlich, «l’art au féminin» könnte darauf schliessen, dass nur Künstlerinnen ihre Gemälde zeigen, aber nein, unter den Ausstellenden sind auch Männer zu finden: Andriu Deplazes, Yann Bisso und Elias Njima. Aber die Frauen überwiegen! Und was für Frauen! Valérie Favre, Klodin Erb, Louisa Gagliardi, Silvia Gertsch, Zilla Leutenegger, Andrea Muheim, Maria Pomiansky, Inga Steffen und und und …. Ein toller Reigen wunderbarer Künstlerinnen, denen zum Teil auch Gemälde aus der eigenen Sammlung gegenübergestellt werden. So hängen auch Bilder von Man Ray, Félix Vallotton, Caroline Bachmann und Miriam Cahn in der Ausstellung.
Die einzelnen Werke in den 11 Räumen sind thematisch geordnet: Porträts und Selbstporträts, eine partizipative Wandmalerei (Lucie Kohler, Lausanne, lädt die Besucherinnen und Besucher ein, an ihrem Wandbild mitzumalen), den Preis Jacqueline Oyex 2025 (den Louisa Gagliardi gewonnen hat), Intimitäten, Smartphone als Werkzeug der Malerei, realistische und fantastische Bildwelten. Der Kuratorin Victoria Mühlig und ihr Team haben die verschiedenen Bilder zu einem stimmigen Rundgang zusammengestellt. Eine wunderbare Kombination ist ihr mit «Der goldene Käfig» von Valérie Favre, Andriu Deplazes «Vier Hände halten Kind» und dem Gemälde von Miriam Cahn aus der Sammlung gelungen. Aber auch einzelne Werke stechen hervor: Louisa Gagliardi ist mit drei Werken vertreten: «Visitors» ist ein wandfüllendes, surrealistisches zweiteiliges Bild, das eine Frau und einen Mann in einer modernen, grosszügigen Badelandschaft zeigt. Die beiden Bildhälften sind durch eine (gemalte) Türsicherheitskette miteinander verbunden. Dadurch entsteht der Eindruck, voyeuristisch durch den Spalt in das Interieur zu blicken, während die Protagonisten überrascht bemerken, dass sie beobachtet werden. Louisa Gagliardi (vergl. auch Kunstbetrachtung Nr. III) erarbeitet ihre Kompositionen am Computer, druckt sie auf PVC und verpasst ihnen ein Finish mit Nagellack und/oder Glanzgel. Sie hat 2025 den Preis «Jacqueline Oyex» gewonnen. Die Stiftung hat dem Musée d’Art das Werk «Ruisseau» geschenkt. Auch von Zilla Leutenegger sind zwei Werke vertreten: die Lesende in der Badewanne (Oel auf Leinwand), einer Serie, die ich im September in der Galerie Stampa in Basel entdeckt habe (siehe Kunstbetrachtung Nr. IX), und eine auf einen Spiegel gezeichnetes Spiegelbild einer Frau, die Verstecken spielt. Mit dem Verbergen des Gesichts in den Händen entsteht ein Kontrast: das Selbst wird reflektiert, aber gleichzeitig hält sich die Figur etwas zurück. Die Ideen scheinen dieser tollen Zürcher Künstlerin nie auszugehen. Wunderbar! Eine Entdeckung für mich war auch Seline Burn, 1995 in Basel geboren. Ihr Bild «Helper in den Garden» wurde für das Titelbild des Ausstellungsflyers gewählt und ein weiteres tolles Werk von ihr in der Ausstellung heisst «Fourteen Hits Different» aus dem Jahr 2024. Es zeigt eine behelmte und behandschuhte, ansonsten nackte Frau, die mit einem Baseballschläger und sichtlichem Vergnügen das antike Geschirr zerschlägt. Das Publikum kann in ihr Werk eintauchen und spürt die Energie und Lebenskraft, die ihre Bilder ausstrahlen.
Cécile Giovannini, eine Walliser Künstlerin, malte für die Ausstellung ein Gruppenbild mit allen Beteiligten, und zur Ausstellung ist eine informative und reich bebilderte Publikation erschienen.
Pully ist mit dem Zug von Lausanne aus in drei Minuten, das Musée d’art in einem kurzen Spaziergang vom Bahnhof Richtung Altstadt und See zu Fuss erreichbar.


Andriu Deplaces, vier Hände halten Kind, 2025

Valérie Favre, Der goldene Käfig, 2020

Zilla Leutenegger, TH DNCR, 2022

Louisa Gagliardi, Ruisseau, 2017

Seline Burn, Fourteen Hits Different, 2024

Seline Burn, Helper in the Garden, 2024