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Kunstbetrachtung VI: Rebekka Steiger im Kunstmuseum Thun, 5.4.-3.8.2025

Rebekka Steiger (*1993, Zürich) entdeckt habe ich an der Luzerner Jahresausstellung 2018. Ihren durchsichtig scheinenden Reiter vor dunkelblauem Hintergrund habe ich nie mehr vergessen. Nun zeigte das Kunstmuseum Thun eine grosse Schau mit Rebekka Steigers neuen Werken, die grösstenteils in Ho-Chi-Min-City (2022/23) und Peking (2024) entstanden sind. Zahlreiche Bergwelten zeugen aber auch von Ihrer Verbundenheit mit Graubünden. Die Künstlerin ist eine passionierte Wanderin und fängt mit dem Fotoapparat Stimmungen ein, die sie dann im Atelier auf die Leinwand malt (z. B. die in blau und weiss gehaltenen Werke Bingfeng und Blue streak II). Texte über ihren vietnamesischen Atelier-Aufenthalt oder direkt zur Entstehungsgeschichte einzelner Werke ergänzen die wunderbar präsentierte Übersichtsausstellung. Ein Raum ist Fuchs-Bildern reserviert, in kräftigen Orange-/Gelbtönen blickt das scheue Waldtier, mal alleine, mal im Rudel oder zusammen mit frauenähnlichen Gestalten zur Betrachterin. Der in kühlem türkis gehaltene und sich spiegelnde Untergrund im Bild «Kitsune» lässt mich an ewiges Eis denken, der Fuchs könnte ein den Polarfuchs sein. Das mit Acryltusche und Öl gemalte «Banter» zeigt zwei Füchse im welkenden Sonnenblumenfeld, der grünlich düstere Hintergrund lässt die zwei Tiere richtiggehend leuchten. Farben spielen in Rebekka Steigers Werken eine grosse Rolle. Kräftig leuchtende Blumen vor meist pastelligem Hintergrund, eine Mischung von hell und dunkel, ein faszinierender Pinselschwung und spannende Kompositionen, Rebekka Steigers Bilder weisen eine unglaubliche Anziehungskraft auf. Das Bild «Olivewing» ist, wie es sein Titel schon verrät, in hellen Olivetönen gehalten und wer genau schaut, entdeckt Schmetterlingsflügel. Der Schmetterling, der in Südamerika vorkommt und Olivewing heisst, ist aber tatsächlich blau! Das blaue Pigment selbst taucht in Steigers Werk zwar nicht auf, dennoch inszeniert sie eine abstrakte Spannung zwischen Hellblau und Olivgrün und kreiert ein Wesen, das Tier und Mensch sein könnte. Auch Pferd und Reiter kommen weiterhin in ihren Bildern vor. Meist werden sie umrankt von einer bunten Blumenwelt. Sie könnten für Freiheit stehen, für Ausdauer und Kraft, und die Verbindung zwischen Mensch und Natur zeigen.

Die Werke ziehen den Betrachter magisch an. Die katzenähnlichen, maskierten Gesichter der Frauenfiguren reflektieren ihren Mut, sich mutterseelenallein in Vietnam eine Wohnung zu mieten und dort unter Einheimischen zu leben und zu arbeiten. In ihren gesprochenen Texten erzählt sie von den vielen Fettnäpfchen, in die Europäer tappen können. Die junge Künstlerin, die früher Tänzerin werden wollte, bemalt riesige Leinwände und arbeitet unglaublich vielseitig mit Acryltusche, Ölkreide, Öl, Pigmenten, Tempera und Gouache. Auch dies Hinweise auf ihr grosses Selbstvertrauen, das in allen ihren Werken spürbar ist, ohne überheblich zu wirken. Im Saal mit den riesigen Werken «Floral Oblivion» und «Eleventh Hour» könnte man stundenlang verweilen und in den Bildern immer wieder Neues entdecken.

Rebekka Steiger, eleventh hour, 2024

Rebekka Steiger, olivewing, 2021

Rebekka Steiger, Ichor, 2023

Rebekka Steiger, Kitsune, 2022